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„Ich habe einen Mann geheiratet, der keine Zukunft hatte“

(aus Brigitte, Dossier: Ich hab´s aus Liebe getan: wenn Gefühle Grenzen sprengen)

 

Ein drogensüchtiger Straßenjunge irgendwo in Afrika.

Eine deutsche Frau, die beinahe an ihm vorbei gegangen wäre.

 

Würden Sie diesem Paar eine Chance geben?


Ein Erlebnisbericht über die manchmal sehr guten Launen des Schicksals.

Früher gefiel mir ein ganz anderer Männertyp. Jens zum Beispiel, meine langjährige Liebe in Deutschland, stammte aus einer reichen Familie. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, wie der nächste Mann in meinem Leben aussehen wird. Als ich vor sechs Jahren Deutschland verließ und nach Tansania ging, wollte ich vor allem erst mal meine Diplomarbeit in Bekleidungstechnik abschließen und das Leben kennen lernen. Ich traf Juma in Daressalam, der größten Stadt Tansanias. Er sprach mich auf der Straße an. Juma war groß, schlank und lehnte lässig in Jeans und weißem Hemd an einer Hauswand. Lächelns streckte er mir seine Hand entgegen, dann kam die übliche Jammer-Masche: „Hilf mir“, sagte er, „ich habe Probleme!“ Genervt zog ich meine Hand weg und ging weiter.

 

Aber der Mann ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich ertappte mich dabei, wie ich absichtlich die gleiche Straße öfter entlang ging. Als ich ihn ein paar Tage später wieder sah, lud ich ihn zum Mittagessen ein. Juma erzählte ein bisschen von sich: Er lebte auf der Straße und klaute, um zu überleben. Ihm habe ein Schuhstand gehört, den habe die Polizei in einer ihrer häufigen Säuberungsaktionen zerstört. Für einen neuen Stand fehlte ihm das Geld. Sein Schicksal rührte mich, auch wenn es so etwas hundertfach in Tansania gibt. Ich lieh ihm umgerechnet 70 Euro, das Startkapital für einen neuen Schuhstand. 70 Euro konnte ich erübrigen, für ihn bedeutete es eine große Chance. Und ich vertraute ihm.

 

Ein paar Tage später wollte ich ihn an seinem Stand besuchen – keine Spur von Juma.

Auch nicht die Tage danach. Ich fühlte mich auf den Arm genommen. Als ich ihn zwei Monate später endlich zufällig traf, wieder auf der Straße, sah er schlimm aus: abgemagert, in zerlumpter Jogginghose, mit geröteten Augen. Juma wollte sich entschuldigen, ich war wütend und ließ ihn stehen. Was hatte bei dem gutgekleideten, fröhlichen Mann so schnell zu so einer Wandlung geführt? Ich begann, ihn heimlich zu beobachten, sah, wie er sich ein bisschen Geld verdiente, indem er Autos in Parklücken einwies, er wirkte dabei mutlos und traurig. Nach ein paar Tagen wurde ich schwach und lud ihn wieder zum Essen ein. Juma redete wie ein Wasserfall, er schien mich vermisst zu haben. Er erzählte von seinem Versuch, als blinder Passagier auf einem Schiff nach Amerika zu fliehen. Dass er zwischen Kartons hauste und Handys klaute. Von seinem Hunger.

 

Wir trafen uns von da an täglich. Anfangs wollte ich mir nicht eingestehen, dass ich mich auf unsere Treffen freute. Als er dann irgendwann meine Hand nahm, war ich verwirrt. Mein Kopf sagte mir: Sei vorsichtig! Der ist nur auf der Suche nach einem besseren Leben. Aber da war es schon passiert, ich hatte mich längst in Juma verliebt. Dennoch hatte ich mir nie im Leben vorstellen können, dass ich Juma acht Monate später heiraten würde, mit ihm nach Deutschland gehen und weitere fünf Jahre später mit ihm meinen Lebenstraum verwirklichen würde: ein Kinderheim für vollpflegebedürftige Kinder in Delhi. Im Mai 2011 konnten wir das erste Waisenkind aufnehmen. Juma ist an meiner Seite – und ich liebe ihn dafür, wie er diese Kinder zum Lachen bringt.

 

Aber es war ein langer, harter Weg bis dahin. In unserem ersten gemeinsamen Sommer erfuhr ich, dass Juma Tuberkulose hat. Ich unterstützte ihn bei seiner Behandlung – täglich 13 Tabletten und insgesamt 60 Spritzen. Schließlich gestand er mir auch noch seine Drogenabhängigkeit. Ich hatte es geahnt, war aber trotzdem geschockt. Er rauchte regelmäßig „White Sugar“, eine Mischung aus Kokain und Valium. Eine typische Arme-Leute-Droge in Tansania. Für mich war klar, dass wir gemeinsam einen Ausweg finden mussten. Juma machte einen Entzug, doch die Zeit danach war für uns beide schwierig: Ich hatte ständig Angst, dass er rückfällig werden könnte, er aß kaum und lag nachts wach. Als ich meinen Eltern per Mail über meine Hochzeit in Tansania informierte, schrieben sie, es sei der größte Schock ihres Lebens. Ich hatte nichts anderes erwartet. Aber ich zog die Sache durch, gegen alle Widerstände. Ich liebte diesen Mann mehr, als ich je jemanden geliebt habe. Deswegen erzähle ich unsere Geschichte um zu zeigen, was geht, wenn man nur will.

 

PS: Mittlerweile haben meine Eltern Juma kennen gelernt. Und sie mögen ihn.

 

Infos zum Kinderpflegeheim von Nicole und Juma Mtawa unter: www.humandreams.org
Die komplette Geschichte ist zu lesen in Sternendiebe – Mein Leben in Afrika.

Knaur Verlag, 271 Seite, Euro 8,95-.

 

Das Projekt, wie auch die Geschichte selbst, gefallen mir so gut, dass die Mutmachwerkstatt einen Teil des Erlöses vom Büchertisch für ein monatliches Fördergeld verwendet.