Malte Filip – eine Fallstudie zum Krankheitsbild Depression
(Auszug aus unserer Broschüre „Depression – ein Auftrag zur Umkehr)
Malte Filip war 40 Jahre alt, als er erstmals Hilfe wegen einer Depression aufsuchte, die bereits seit 15 Jahren bestand und die er durch alle Arten von Selbstbehandlung erfolglos versuchte in den Griff zu bekommen.
Zu mir geführt
hat ihn, abgesehen von einem ohnehin anhaltend schlechten Zustand
die Tatsache, dass dieser sich derzeit noch dadurch
verschlimmerte, dass sich in seinem Beruf krankheitsbedingt
Schwierigkeiten ergaben, welche zur Kündigung des
Arbeitsverhältnisses führten.
Malte Filip
wurde bisher weder fachärztlich noch therapeutisch behandelt,
seine Selbstdiagnose Depression konnte infolge von
Symptombeschreibungen wie fast ständig präsente traurige Stimmung,
körperliche Schwere, Müdigkeit, Schlaf- und Appetitstörungen,
allgemeine Lustlosigkeit sowie stets wiederkehrende
Rückenschmerzen bestätigt werden. Dennoch riet ich ihm,
schnellstmöglich seinen Hausarzt aufzusuchen, welcher eine
fachärztliche Untersuchung in die Wege leiten sollte, um
organische Ursachen der Erkrankung auszuschließen.
Zum Abschluss
befragte ich ihn nach möglichen Selbsttötungsabsichten und nahm
wahr, dass Malte Filip zwar mut- aber noch nicht ganz hoffnungslos
war. Er gab offen zu, Suizid zwar bereits in Erwägung gezogen zu
haben, was seine Religiosität ihm aber letztendlich verbiete,
darüber hinaus habe er seiner Familie das Versprechen gegeben,
sich nichts anzutun. Nach diesem Informationsaustausch beendeten
wir den ersten Termin und vereinbarten einen weiteren, sehr
zeitnah bereits in der kommenden Woche, da ich wahrnahm, dass
Malte Filip unter einem enormen Druck stand und allein sich
auszusprechen ihm schon gut tat. Zunächst ließ ich ihn frei von
sich und seinen Schwierigkeiten berichten, wobei sich im Verlauf
des Gesprächs neben den depressiven Beschwerden Hinweise auf eine
Borderline- Persönlichkeit (ohne Selbstverletzungstendenzen)
ergaben. Die Belastungen, die seine Lebensqualität am stärksten
einschränkten, waren einerseits ein diffuses Angstgefühl,
Anspannung und Unzufriedenheit, darüber hinaus die Unmöglichkeit,
eine lange zurückliegende Beziehung loszulassen, die ihn bis in
die Tiefen seiner Seele erschütterte und verletzte. Malte Filip
stammt aus wohlhabenden und geordneten Verhältnissen, die Eltern
sind seit seinem 15. Lebensjahr geschieden, der Vater ist seit
einigen Jahren neu verheiratet, zu beiden Elternteilen, sowie zu
seiner etwas jüngeren Schwester hält er regelmäßigen Kontakt. Die
Symptome einer Depression stellten sich erstmals nach der Trennung
von seiner Freundin Florentine ein, welche zwar bereits 15 Jahre
zurückliegt, aber nie von ihm überwunden wurde. Genau seit diesem
Zeitpunkt fühlte er sich allein und ungeliebt, ebenso wie seine
beruflichen Leistungen infolgedessen immer stärker nachließen.
Zwar fand er
sich in den folgenden Jahren in einigen kurzen Beziehungen wieder,
sie blieben jedoch allesamt bedeutungslos für ihn, da er
einerseits glaubte, die Damen interessierten sich nur wegen seiner
materiellen Verhältnisse und seinen intellektuellen Fähigkeiten
für ihn, er sich darüber hinaus aber auch unter keinen Umständen
mehr binden wollte, da Nähe ihn ängstigt, obwohl er sich
gleichzeitig nach einer erfüllten Partnerschaft sehnt. Hierzu
berichtete Malte Filip von einer jungen Frau, die sich zwar um ihn
bemühte, deren Präsenz ihn aber zeitweise und parallel zu seinen
krassen Stimmungswechseln wütend und aggressiv machte und welcher
er sich nur dann von sich aus wieder nähern konnte, wenn er sie
zuvor weggeekelt hat und folglich glaubte, sie dauerhaft verloren
zu haben. Über seinen bisherigen Beruf als Verkäufer in einem
Autohaus berichtete er, dass dieser ihm wenig echte Freude und
Erfüllung bereit hat, die Kollegen ihm nur als Konkurrenten
erschienen, die ihn in hässliche Intrigen hineinverwickelten und
ihm besonders die Regelmäßigkeit, zu welcher dieser Berufsalltag
verpflichtet, zu schaffen machte. Ich befragte ihn genauer nach
seinem Verhältnis zu seiner Familie sowie zu Freunden. Freunde, so
sagte er, habe er keine wirklichen. Den Sprung zu solchen
schafften seine Bekannten nicht, da sie sich vorher von ihm
zurückziehen. Ich wollte von ihm wissen, ob diese sich tatsächlich
freiwillig von ihm zurückziehen, oder ob er sie dazu zwingt,
bedingt durch seine Angst vor Nähe, durch seine Wutausbrüche sowie
durch seine nichtvorhandene Fähigkeit zu Regelmäßigkeit. Im Grunde
stimmte er mir zu, betonte aber, wie sehr ihn Kontakte anstrengten
und wie mühevoll es allein für ihn sei, einem Gespräch zu folgen,
geschweigedenn, eines in Gang zu halten.
Innerhalb
seiner Elternfamilie fühlte er sich besonders seiner Mutter
verbunden, auch sie zeigt nach seinen Angaben depressive
Charakterzüge. Der Vater ist sowohl ökonomisch als auch sozial
erfolgreich, während die Mutter, sehr liebenswert und sehr
schwach, mit Haushalt und Kindererziehung beschäftigt war und sich
stets um die Zuneigung und Anerkennung ihres Mannes bemühte. Sie
vernachlässigte ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse und
eigentlich ihr ganzes Leben, setzte alles daran, um für ihren Mann
perfekt zu sein und erreichte nur eins – er wurde ihrer
Überangepasstheit bald überdrüssig. In der Folge befriedigte sie
ihr Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe durch Essen, wurde dicker
und dicker, nun auch noch unattraktiv für ihren Mann und so bald
zur verlassenen Ehefrau. Ich fragte Malte Filip, ob auch er sich
von seiner Mutter vernachlässigt und dem Ziel Liebe und
Anerkennung von ihrem Ehemann untergeordnet fühlte. Er bestätigte
dies, fühlte sich inmitten seiner Familie entfremdet und
berichtete von einigen Situationen, in denen er seine Mutter
dringend gebraucht hätte, diese ihm aber nicht zur Verfügung
stand, da sie putzen, den Garten pflegen oder sonstiges tun
musste, um die Anerkennung des Vater zu erreichen. Ich gewann den
Eindruck, dass Malte Filip etwas von den verzerrten Gedanken der
Mutter in sich trägt, nämlich dass einerseits nichts Bestand hat
und andererseits ausschliesslich ein idealer Partner Glück ins
eigene Leben bringen kann. Und Glück – das ist nichts Anderes als
Anerkennung durch andere. Gewinnt man diese nicht, war die
Bemühung nicht groß genug und man hat versagt. An diesem Punkt
beendeten wir den zweiten Termin, ich schlug ein weiteres Gespräch
in Kürze vor, da ich bemerkte, welche entlastende Wirkung es auf
Malte Filip hat, dass er nach vielen Jahren ein Gegenüber finden
konnte, bei dem er sich aussprechen kann, ohne unter dem Druck zu
stehen, sich in ein möglichst günstiges Licht rücken zu müssen, um
zu gefallen und nicht abgelehnt zu werden. Für die Zeit bis zu
unserem nächsten Treffen bat ich Malte Filip, sich einmal von
seinem Leben zu distanzieren, indem er sich einen Menschen
ausdachte, den er sehr schätzt. Diesen Menschen soll er nun in
Gedanken, oder noch besser in einer von ihm verfassten
Kurzgeschichte, sein eigenes Leben in allen Stationen leben
lassen, während er selbst sich in der Position des neutralen
Beobachters wieder findet.
Eine Woche
später befragte ich Malte Filip nach seinen Erkenntnissen. Er ließ
seinen besten Freund in seine Rolle schlüpfen und stellte fest: „
Er muss sehr stark und von zäher Natur sein, dass er soviel
aushalten kann.“ Anschliessend knüpfte ich an die
Beziehungsproblematik an, indem ich Malte Filip nach seiner
früheren Freundin Florentine fragte:
Florentine war
einfach wunderbar. Sie verstand es, sich durchzusetzen, was seine
überangepasste Persönlichkeit ihm nicht vergönnte, sie verstand
ihn, sie liebte, was auch er liebte, sie gab ihm das Gefühl, zu
leben – und sie trennte sich von ihm. Er unternahm enttäuscht
nichts Nennenswertes, um seine Beziehung zu retten und fühlte sich
nie verzweifelter als zu dem Zeitpunkt, als er erfuhr, dass
Florentine einen anderen Mann geheiratet hatte. Ich fragte ihn, ob
sie ihn vielleicht gerade deshalb verließ, weil sie spürte, dass
er sein Glück von ihr abhängig machte, dass er, um seinen
„Lebenssinn Florentine“ zu bewahren, überangepasst und
übergewissenhaft wurde und damit jede Leichtigkeit verlor. Er
antwortete, dass er doch sein Bestes versucht habe… Gemeinsam
erarbeiteten wir, dass Überangepasstheit keine notwendige
Voraussetzung für die Erfüllung von Wünschen ist, sondern zu
nichts anderem führt, als den Kontakt zu sich selbst zu verlieren
und für Andere im ungünstigsten Fall unattraktiv zu werden.
Darüber hinaus, dass ein Erfolgsgeheimnis vielmehr in gesundem
Eigensinn und gesunder Selbstvergessenheit besteht. Als vorletzten
Punkt bat ich Malte Filip, mir noch kurz sein häusliches Umfeld zu
schildern. Er lebt allein in einer Wohnung, in welche er beim
besten Willen keine Ordnung bringen kann, obwohl ihn das Chaos
sehr stört. Auch diese Tatsache fördert mehr und mehr seine
Selbstaggression, mit welcher konform seine Selbstachtung sinkt.
Wir einigten uns darauf, dass die vermüllte Wohnung ihm
gleichzeitig Schutz bietet – nämlich vor sich nähernden Bekannten
die ihn vielleicht gerne besuchen würden – nur in dieser Wohnung
geht´s ja nicht, selbst wenn er wollte…
Ein letztes
Stichwort: Freizeitgestaltung?
Malte Filip
läuft einen Marathon nach dem anderen. Ich erzählte ihm, kürzlich
in einer Sportzeitung gelesen zu haben, dass nach einer Umfrage
männliche Läufer dieser Betätigung zumeist deshalb nachgehen, weil
sie aggressiv gegen ihren eigenen Körper sind. „Ich bin nicht nur
aggressiv gegen meinen Körper, ich hasse mich überhaupt.“ (Ich
dachte einen Augenblick darüber nach, ob er in diesem inneren
Konflikt steckt, weil seine eigenen, zunächst noch nicht einmal
ungesunden narzisstischen Bedürfnisse unbeabsichtigterweise nie
gehört wurden, nicht von der beschäftigten Mutter, ebenso wenig
wie später von seiner Freundin und er folglich meint, er sei
einfach nichts wert?) Außerdem betätigt sich Malte Filip
ehrenamtlich in seiner Kirchengemeinde. Irgendeine anerkennende
Gunst muss sich doch ergattern lassen… Hiermit schloss sich der
Rahmen unseres Einstiegsgesprächs, wir vereinbarten einen nächsten
Termin und in der Zwischenzeit machte ich mir Gedanken, welchen
Behandlungsvorschlag ich Malte Filip anbieten könnte. Ich hielt es
für sinnvoll, auf die Individualität Malte Filips ebenso
individuell zu antworten:
Die Ebene
seine Probleme war vielschichtig,
- ihn belasten
seine bislang nicht in Worte gefassten Ängste
- und mehr
noch die Verbundenheit zu seiner früheren Freundin Florentine, die
in dem Fall als negativ zu bezeichnen ist, da er an Verletzung und
Mangel festhält, und nicht an der Liebe,
- er hat
keinen Job, damit keine sinnvolle Beschäftigung und auch kein Ziel
vor Augen, was diesen Bereich, sowie auch seine
Freizeitgestaltung, abgesehen von Kirche und Sport, betrifft,
- er kann den
Anforderungen des Alltags nicht oder bestenfalls nur unter
unverhältnismäßig schweren Anstrengungen gerecht werden,
- er lebt
keine gesunden und funktionierenden Kontakte, sehnt sich aber
gleichzeitig nach tieferen Beziehungen, - er hat seine Affekte
nicht unter Kontrolle,
- es fehlt ihm
an Selbstliebe und Selbstwert und
- seine Werte
überhaupt sind verschoben, Respekt zum Beispiel kennt er gar
nicht.
Deshalb meinte
ich, dass es nicht ausreichend und damit auch nicht
erfolgsversprechend ist, „nur“ psychoanalytisch“ oder „nur“
verhaltenstherapeutisch, um zwei Möglichkeiten zu nennen, an die
gestellte Problematik heranzugehen. Es dürfte vielmehr sinnvoll
sein, zunächst der diffusen Angst einen Namen zu geben, sodass sie
greifbar wird und damit ihren Schrecken verliert, anschließend
alte Beziehungsmuster zu beleuchten und zu durchbrechen, sodass
Malte Filip seine Anspannung loslassen und frei werden kann, dann
ein Ziel mit Malte Filip zu erarbeiten, welches keine großen
Illusionen enthält, da diese allein schon mit der Zeit ihrer
Nichterfüllung die Gefahr depressiver Stimmung mit sich bringen.
Praktisch gesehen würde ein potentieller Wunsch wie „für immer in
einer glücklichen Partnerschaft leben“ also wegfallen. Dafür
können wir aber Visionen züchten, die durchaus erreichbar sind:
Einen würdigen Wohnraum schaffen, an einem tragfähigen sozialen
Netz knüpfen, oder wieder eine sinnvolle Alltagsbeschäftigung
aufnehmen. Diese Ziele sollten am besten noch in kleinere
Zwischenziele untergliedert werden.
Bei unserem
nächsten Termin ließ ich Malte Filip ausreichend Zeit, seine Ziele
eigenhändig zu definieren. Zunächst fiel es ihm schwer, den
Einstieg zu schaffen, da es für ihn eine Tatsache war zu wissen,
was er nicht wollte, aber unklar darüber zu sein, was er sehrwohl
möchte. Deshalb begleitete ich ihn zur Musik von P.C. Davidoff and
friends: „Secrets of the Jade“ zunächst auf eine Phantasiereise in
sein Unterbewusstsein. Danach geriet sein Monolog bald in Fluss
und zu meiner Überraschung gingen die meisten seiner Ziele konform
mit den Gedanken, die ich mir vorab über ihn gemacht habe. Wir
besorgten uns eine rote Schnur, an die wir kleine Zettel mit den
Stationen der einzelnen Ziele banden. Der „rote Faden“ also, der
sich durch unsere gemeinsame Zeit ziehen sollte. In einem
gesonderten Gespräch schafften wir Raum, um ausschließlich über
Malte Filips Angst zu sprechen. Der Heimatort seiner Angst liegt
auf seiner Brust, dort macht sie sich als immervorhandenes
Druckgefühl breit – und vor allem schwer. Ich bat Malte Filip,
sich genau in diesen Ort hineinzufühlen: Welche einzelne Ängste
hausen dort, die das große, schwere Ganze ausmachen? Es ist die
Wut, die stets präsent in ihm ist, die nahezu unkontrollierbar
erscheint und doch irgendwie, und zwar nur unter größten
Anstrengungen, halbwegs in ihren Grenzen gehalten werden muss.
Manchmal gelingt es ihm, meistens nicht. Dann bricht sie aus,
greift nach Außen auf sein Umfeld über und anschließend fühlt er
sich nichteinmal befreit, sondern nur noch mehr bedrückt. Es ist
die Enttäuschung, derart verletzt und erniedrigt von seiner
Freundin Florentine zurückgelassen worden zu sein, obwohl er sie
so sehr und wirklich aufrichtig liebte, verbunden mit dem
hoffnungslosen Gefühl, jemals nocheinmal der Liebe trauen und eine
verbindliche Beziehung eingehen zu können und vielleicht für den
Rest seines Lebens allein und zurückgezogen im Ich zu bleiben. Es
ist die Sorge, beruflich nicht mehr auf die Füße zu kommen und
damit in seinem aktuellen sinnlosen Alltag feststecken zu bleiben.
Es ist das bedrohliche Gefühl, nach vierzig Jahren keine Antwort
auf die Frage zu haben, wer er ist und was er nützliches mit
seiner Zeit angefangen hat. Wir reduzieren gemeinsam die genannten
Einzelängste auf einen Nenner: Es ist die aus gelebter Erfahrung
gewachsene Angst, dem Leben nicht trauen zu können, weil es ihm
entweder tiefe Verletzung oder Stillstand brachte. Nun lässt sich
Angst leider nicht wegdiskutieren, aber wir haben soviel gewonnen,
dass sie nicht mehr als bleierne, anonyme Schwere auf ihm liegt,
sondern aufgegliedert ist in Teilmengen, die genau benannt sind.
In diese einzelnen Teilmengen können wir nacheinander eingreifen
und sie in kleinen, praktischen Schritten wandeln, indem wir
bewusst Erfahrungen herbeiführen, die kleine Erfolge in sich
bergen und damit Vertrauen schaffen. Zum Abschluss unseres
Gespräches bat ich Malte Filip, eine kleine Karte im
Hosentaschenformat zu gestalten. Sie soll die Aufschrift tragen:
Meine Schwierigkeiten sind meine Chance auf das Leben, wenn ich
nicht wegsehe, sondern höre, was sie mir mitteilen möchten. Diese
Karte begleitet Malte Filip ab sofort durch den Alltag.
Außerdem gab
ich ihm eine Übung mit nach Hause, die sich an eine Zen- Weisheit
anlehnt:
Ein erfahrener
Mönch wurde gefragt: „Viel beschäftigt bist du, doch allzeit
gesammelt. Was ist dein Geheimnis?“ Dieser antwortete: „Wenn ich
stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich
laufe, dann laufe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich
esse, dann esse ich. Wenn ich spreche, dann spreche ich.“ Da
fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten: „Das Gleiche tun
auch wir. Wie kommt es, dass du glücklich bist in all dem, wir
aber nicht?“ Er antwortete: „Vielleicht ist dies der Grund: Wenn
ihr steht, dann geht ihr schon. Wenn ihr geht, dann lauft ihr
schon. Wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.“ Um was ich
Malte Filip damit bitten wollte, war, sich bis zu unserem nächsten
Treffen sooft als möglich dazu zu zwingen, im Hier und Jetzt zu
sein, statt seinen Gedanken zu gestatten, abzuschweifen in ein
ständiges Kreiseln um sich selbst, seine Situation, seine
Mitmenschen, seine Vergangenheit und seine Zukunft. Ich schlug ihm
vor, mindestens einmal täglich einen Ausflug in die Natur zu
unternehmen und dort einfach nur zu sein. Nachzuspüren, dass auch
die Natur einfach nur ist: Die Bäume, die Blumen, die Sonne, die
Wolken, sie alle sind einfach da, sie üben keinen Druck auf ihn
aus, sie stellen keine Anforderungen an ihn, sie zerren nicht an
ihm herum, sie kritisieren ihn nicht, sie möchten ihn nicht
ändern, sie werfen ihm nichts vor, sie wollen ihm nicht gefallen,
sie nehmen ihn nicht gefangen und drängen sich nicht auf. Sie sind
nur da. Sie akzeptieren ihn so, wie er ist. Und sind dabei völlig
unabhängig von dem, was er über sie denkt. In ihrer würdigen
Stille fordern sie nur eines: Achtsamkeit.
Es kann nicht
von heute auf morgen geschehen und es soll auch keine einmalige
Übung sein, sondern durch fortwährendes Praktizieren zu einer
Lebenseinstellung werden: Jetzt - Sein. Unabhängig werden von
Vergangenheit und Zukunft. Im Augenblick eines Waldspaziergangs
den Vögeln lauschen, die Sonne spüren, den Wind hören, die
Insekten beobachten, die Luft riechen, den Boden unter den Füssen
wahrnehmen. Mehr nicht: Im Augenblick eines Waldspaziergangs nicht
in einer Zeit vor 15 Jahren wühlen und sich nicht sorgen um eine
Zeit in 15 Jahren. Unabhängig werden vom Urteil anderer Menschen.
Zu sich selbst zurückfinden. In sich selbst ruhen. Aus sich selbst
Kraft schöpfen. Schöpferisch sein, statt sich an den Anspruch zu
vernageln, dass das Leben ihm etwas schuldet.
In unser
nächstes Gespräch startete Malte Filip mit einem Erfahrungsbericht
zu dieser Übung: Das Gefängnis seiner selbst hatte sich etwas
geöffnet. Durch die ungeteilte Konzentration auf seine
Sinneswahrnehmungen fühlte er sich als Ganzes und mitten in das
Leben hineingeraten, statt wie sonst als abgeschnittener,
verriegelter Aussenseiter innerhalb seiner Umwelt. Er spürte die
Neutralität der Natur, die ihm wortlos vermittelte, dass es
durchaus möglich ist, Ängste loszulassen und zu vertrauen. Aber
wir wollten uns nichts vormachen – der Weg von dieser Übung zu
einer Lebenshaltung ist hartes Training, das beibehalten und im
Alltag ausgeweitet werden muss; die eine zurückliegende Woche war
dabei nur der erste wertvolle Schritt in eine neue Richtung. Wir
fuhren in unserem Gespräch fort. Was Malte Filip trotz dem
gelungenen Versuch immer wieder einholt, ist die tiefe innere
Verletzung, die durch den Verlust seiner Freundin Florentine in
ihm Wurzeln geschlagen hat. Sie sind im Streit auseinandergegangen
und es ergab sich keine Möglichkeit der Klärung mehr Ich fragte
Malte Filip, ob es eine Denkbarkeit für ihn ist, dass nocheinmal
ein Gespräch mit Florentine herbeigeführt werden könne, um zu
einem guten Abschluss zu kommen. Ich halte das deshalb für
wichtig, da jede ungeheilte Verletzung in eine neue Beziehung mit
hinein genommen wird. Malte Filip verneinte, Florentine sei längst
verheiratet und lebe in einer entfernten Stadt. Obwohl er schon
ungezählt oft den Telefonhörer in der Hand hielt, verfüge er
dennoch niemals über den Mut, tatsächlich anzurufen. Ich lud ihn
ein, Kontakt zu seinem Unterbewusstsein aufzunehmen, um zu
erfahren, was die innere Stimme ihm zu sagen hat und rät. Um zur
Ruhe zu kommen und Entspannung zu finden, ging ich zunächst wieder
mit ihm und begleitet von leiser Musik (Kitaro: Silkroad) auf eine
Phantasiereise hinein in sein Inneres. Dann bat ich ihn,
Florentine vor sein geistiges Auge kommen zu lassen, auf sie
zuzugehen und sie genau anzuschauen, um ihr anschliessend all das
zu sagen, was ihn so viele Jahre so schwer belastet. Ich gab ihm
dafür genug Zeit und bat ihn nach einer Pause, in Florentine
hineinzuschlüpfen und aus ihrer Position auf das zu antworten, was
er gesagt hat. Nach einer weiteren Pause ließ ich ihn wieder in
sich selbst zurückkehren, um Florentine auch das mitzuteilen, was
er an ihr schätzte und liebte und wofür er ihr dankbar ist. Auch
danach wechselte er nocheinmal die Position und war für einige
Zeit Florentine, die ihm natürlich auch sagen wollte, was
unverwechselbar an ihm ist und wofür sie ihm zu danken hat. Nach
einiger Zeit bat ich die beiden, sich liebevoll voneinander zu
verabschieden und anschliessend Malte Filip, langsam wieder in
unserem Raum zurückzukehren.
Die Aussprache
hatte ihm sehr gut getan und im weiteren Gespräch war er offener
für die Tatsache, dass an einem Streit zwischen zwei Menschen auch
immer zwei Menschen Schuld tragen, statt sich wie bisher als das
wehrlose Opfer seiner Freundin Florentine oder gar eines
Schicksals zu fühlen. Für diesen Tag beendeten wir unser Gespräch
mit der Aufgabe, in der kommenden Woche ein Bild zu malen, dass
die neue Beziehung zu Florentine nach diesem inneren Gespräch
darstellt. Als sehr positiv an der Zeichnung fiel mir auf, dass
die beiden Figuren in einem gesunden Abstand voneinander
dargestellt sind und in die gleiche Richtung blicken. Als
bearbeitenswert fand ich die Selbstdarstellung Malte Filips, der
im Schatten eines sehr abstrakten Baumes im Verhältnis mindestens
zwei Meter über dem Boden schwebt. Unter welchem Schatten steht
Malte Filip, der ihn nicht gesund gedeihen lässt?, wollte ich
wissen. Als wir nach und nach die Antwort erarbeiteten, kam uns
glücklicherweise das nachhaltig gute Ergebnis unseres letzten
Termins zur Hilfe: Malte Filip war aus der Opferrolle heraus
getreten. Das erleichterte uns wesentlich den Weg zu seinem
Schatten, nämlich dass er innerhalb einer Liebesbeziehung besitz
ergreifende, eifersüchtige, rachsüchtige und bisweilen sogar
sadistische Tendenzen zeigt. Eine beschränkende, beengende Last,
mit der er sich und anderen das Leben schwer macht. Und warum
schwebt Malte Filip so offensichtlich über der Erde? Die feste
Bodenhaftung, die ihm fehlt, ist für ihn gleichzusetzen mit dem
Sprung ins Ungewisse, den er nicht wagen kann: Er kann nicht
vertrauen. Ich dachte, dass man diesen teuflischen Schatten zwar
unbedingt ansehen und bei den Hörnern packen sollte, aber dass er
alles in allem „nur“ ein Problem hat: Denn durch die Schaffung von
Vertrauen wird sich der Schatten weitestgehend selbst auslöschen.
Wie aber kann Vertrauen wachsen? Durch das Sicherheben aus dem
Chaos. Durch Mut für die Zukunft. Und Mut für das eigene Ich,
sowie den eigenen Weg. Durch selbst herbeigeführte
Erfolgserlebnisse. Durch das Ausräumen des Gefühls, Wesentliches
im Leben zu versäumen. Durch das Setzen eines Schrittes vor den
anderen. Durch das sich Lösen von bewerten und bewertet werden.
Die
Erschwernis dabei: Es ist meist unangenehm und vor allem unbequem,
negative Gedanken- und Verhaltensmuster abzustreifen, schließlich
hat man sich oft über Jahre, wenn auch mehr recht als schlecht,
mit ihnen arrangiert. Und es fordert die Konsequenz,
Abhängigkeiten in jeder Form aufzulösen. Aber die Erfahrung zeigt,
dass ein einziger Schritt in eine neue Richtung, den man
tatsächlich wagt, dass sich öffnen und bewegen lassen gesegnet ist
von einer Eigendynamik, die Wachstum und Fortschritt heißt.
Nachdem wir ausführlich darüber gesprochen hatten, überprüften wir
noch einmal neu die ursprünglichen Ziele Malte Filips. Und da er
nun schon durchaus beachtlich und auch mit Erfolg an sich
gearbeitet hatte, ist er sich noch immer sicher, den Weg der
Veränderung wirklich zu wollen und auch weiterzugehen. Für unseren
nächsten Termin plante ich, einmal die Themen Beziehungen,
Stärken, Schwächen, notwendige Veränderungen … außen vor zu lassen
und stattdessen einigen ganz praktischen Punkten Platz zu machen.
Wir beschlossen, dass Malte Filip, um seinem Wohnraum einen
Grundschliff zu verpassen, zunächst eine Haushaltshilfe engagiert,
die ihn entlastet, was keinesfalls meint, dass sie vermeintliche
Faulheit unterstützt. Vielmehr soll sie für eine Grundreinigung
sorgen, sodass er kleinere, täglich anfallende Arbeiten wie
Bettenmachen oder Spülen selbst erledigen kann. Es ist absehbar,
dass er damit von Woche zu Woche mehr alleine schaffen und sich
wie von selbst mit diesen Pflichten ein bisschen Regelmäßigkeit
aneignen wird. Da er schon immer lernen wollte, Gitarre zu
spielen, meinten wir, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist,
dies umzusetzen. Malte Filip wollte einen geeigneten Lehrer
suchen, der es ihm ermöglicht, die Übungsstunden zunächst flexibel
zu legen. Die Aussicht zu musizieren bescherte ihm ein kleines
Glücksgefühl und ich meine, dass primär nicht Talent und Fleiß für
seinen Erfolg entscheidend sind, sondern seine Begeisterung. Ich
bin sicher, dass er dadurch schnell lernt, was ihm wiederum
Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten verschafft und darüber hinaus
die Erkenntnis, dass er mehr von dem tun sollte, was ihm wirklich
Spaß macht. Ich denke außerdem, dass ihm das notwendige Üben
zuhause, außerhalb der Unterrichtsstunden, dabei hilft, trübe
Gedanken zu minimieren. Malte Filip verließ das Gespräch mit der
Aufgabe, Ausschau nach einer Zugehfrau sowie nach einem
Musiklehrer zu halten. Außerdem bat ich ihn, sich Gedanken zu
machen über einen Beruf, der ihm Freude bereiten könnte, statt
bloßen Leistungscharakter zu besitzen. Nachdem ihm die beiden
ersten Punkte gelungen sind, hielten wir einen Termin frei, nur um
über seine beruflichen Absichten zu sprechen. Bedrückt es ihn
sehr, dass er im Moment ohne Arbeit ist?, fragte ich ihn. Und muss
man wirklich in diesem Strom mitschwimmen, nur dann von Bedeutung
zu sein, wenn man erfolgreich einer Arbeit nachgeht? Letzteres
sicher nicht, aber Malte Filip fehlte die Struktur, die ihm der
Arbeitsalltag gewährleistete. Andererseits sollte der Rahmen aber
auch nicht zu eng gespannt sein, da er damit wiederum auch nicht
umgehen kann. Reiseleiter ist das, was er sich sehr gut für sich
selbst vorstellen konnte, paart es doch die Regelmäßigkeit eines
Broterwerbs mit einem größtmöglichen Maß an Flexibilität und
Freiheit. Ich konnte mir sehr gut eine Reisegruppe vorstellen, die
verzweifelt an ihrem Bus steht und auf ihren Reiseleiter wartet.
Der aber nicht kommen wird, weil er in einem Tief festsitzt, das
ihm jede Veränderung verunmöglicht. Dennoch hielt ich es nicht für
sinnvoll, ihn jetzt und an dieser Stelle auszubremsen. Wohl aber
regte ich ein Gespräch darüber an, dass es zu Rückschlägen in Form
von Absagen kommen könnte. Überraschend und zu meiner Freude
deutete Malte Filip das Schreiben von Bewerbungen aber in erster
Linie als Beendigung seines Versteckspiels. Er möchte den
Hoffnungen folgen, von denen die stärkste Energie ausgeht.
Herzlichen Glückwunsch!
Um an
glückenderen Beziehungen zu arbeiten, schlug ich Malte Filip für
das nächste Mal vor, seine junge Bekannte zu einem Gespräch
mitzubringen. Gemeinsam kann man über die Krankheit aufklären und
Vorschläge sammeln, wie man besser mit den Stimmungsschwankungen
und Wutausbrüchen umgehen kann. Darüber hinaus wollte ich noch
einmal einen Rollentausch anregen, dieses Mal ganz real, für den
jeder der beiden in die Person des anderen schlüpfte und aus
dessen Sicht sprach, um herauszufinden, wen was genau stört, wer
was von dem anderen möchte, inwieweit das überhaupt klar und vor
allem machbar ist und wo genau sich Missverständnisse verstecken,
die diese Bekanntschaft so schwierig machen. Nachdem das Gespräch
stattgefunden hatte, ergaben sich die verbindlichen Kompromisse,
dass von Seiten der jungen Frau Verständnis gezeigt wird, wenn
Malte Filip Schwierigkeiten hat, etwas Bestimmtes zu tun, wie zum
Beispiel ein Telefonat entgegenzunehmen, eine Email zu beantworten
oder ein Treffen stattfinden zu lassen. Es soll wenige, dafür aber
regelmäßige Treffen geben, die dazu dienen, dass Malte Filip in
Beziehungen langsam wieder Fuß und Vertrauen fassen kann. Malte
Filip seinerseits erklärte sich dazu bereit, vorgeschlagene
Treffen im Verhinderungsfall tatsächlich klar und deutlich
abzusagen, statt sich wie bisher einfach gar nicht zu äußern, wenn
er nicht wollte oder nicht konnte. Außerdem, sich ein wenig zu
öffnen, auch Vertrauen zu schenken, statt ein großes, dunkles
Geheimnis um seine Person zu machen. Um zur Ruhe zu kommen in
Situationen, in denen er sich selbst nicht unter Kontrolle hat,
meinte ich, dass sich als Basis Autogenes Training anbieten würde.
Vielleicht könnten die beiden sogar gemeinsam einen Kurs belegen.
Dieser Vorschlag begeisterte Malte Filip allerdings wenig. Oder
ehrlich gesagt gar nicht.
Außerdem regte
ich an, Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe aufzunehmen. Hier kann
Malte Filip erfahren, dass er nicht allein mit seinen Problemen
ist, daneben einen Ort finden, an dem seine Depression Raum hat,
statt sie überall bei Freunden und in der Familie zum ganz großen
Thema zu machen und an dem er vielleicht ganz nebenbei die ein
oder andere tragfähige Beziehung zu seinen Mitmenschen aufbauen
kann. Zeigten sich unsere bisherigen Gespräche als entlastend für
Malte Filip und insgesamt auch konstruktiv, war unser nächster
Termin als Zerreißprobe für die Geduld beider Seiten zu verstehen:
Er zeigte sich so unkooperativ, wie ich ihn nie vorher erlebt
hatte, als müsste er mir endlich einmal die Ausweglosigkeit seines
Seins beweisen. Er erklärte mir laut, energisch und dramatisch,
dass er sich immer und immer wieder bemühen musste, ohne dass
dabei jemals etwas Brauchbares herausgekommen wäre, dass er müde
des Sichversuchens ist und brach schließlich den Termin von jetzt
auf gleich ab. Ich selbst war schon ein bisschen fasziniert von
soviel Energie, die in ihm steckt und die sich meiner Meinung nach
nutzen ließe, gleichzeitig erschreckte mich aber auch die Wut, in
die er noch immer so plötzlich geraten konnte. Ich stellte mir die
Frage, ob ich ihn wirklich einfach gehen lassen sollte, um nicht
übergriffig auf ihn zu wirken und darauf zu hoffen, dass er,
typisch einer Borderlinepersönlichkeit, die nicht selten mit einer
Depression Hand in Hand geht, von selbst zurückkommen wird, sobald
man ihn loslässt, oder ob ich ihm hinterher gehen sollte, um ihm
nicht das Gefühl zu vermitteln, dass auch ich ihn gemäß seiner
Erkenntnis fallen lasse, wenn er nicht ausführt, was man von ihm
verlangt, oder er nur dann anerkannt wird, wenn er tut, was er
soll. Ich entschloss mich dazu, ihn gehen zu lassen. Es brauchte
mehr als vier Wochen, bis Malte Filip mich anrief und um einen
neuen Termin bat. Ich trat ihm vorwurfsfrei und wohlwollend
entgegen und verlangte darüber hinaus nicht, dass er sich
ausführlich erklärte.
Er berichtete
mir von den Erlebnissen der vergangenen Tage:
Die Zugehfrau,
eine mütterliche, ältere Dame, nimmt ihm im Haushalt einiges ab,
sodass er wieder zu einem Wohnraum kam, in dem er sich wirklich
wohl fühlen und deshalb auch aufhalten kann. Außerdem lehrt sie
ihn etwas von ihren Kochkünsten und in nächster Zeit plante er
sogar, seine Bekannte einmal zu sich nach Hause einzuladen.
Mittlerweile hatte er auch vier Gitarrenstunden hinter sich
gebracht und der Lehrer stellte sich als sympathischer Mann
heraus, dem nichts ferner lag, als oberflächliches Geschwätz. Das
gefällt Malte Filip und sie verabredeten sich spontan nach einer
Musikstunde zu einem Besuch im Biergarten.
Für das
Autogene Training konnte ich ihn nicht begeistern, wohl aber für
einen Besuch einer Selbsthilfegruppe in der nächstgelegenen Stadt.
Der Austausch mit anderen entlastet ihn. Dabei hielt ich es für
völlig in Ordnung, wenn er nicht an jedem Treffen teilnehmen
wollte, wie ich mir berichten ließ. Der berufliche Plan,
Reiseleiter zu werden, wurde durchkreuzt von einer Annonce in der
Lokalzeitung, über die eine Zeitarbeitsfirma die freie Stelle
eines Pförtners zu besetzen versuchte. Er bewarb sich und wurde
mittlerweile sogar zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Und
er sucht regelmäßig stille Orte in der Natur auf, um für immer
ausgedehntere Augenblicke einfach nur zu sein. Ich hielt mich
zurück, einen neuen Termin zu vereinbaren und wartete ab, ob etwas
aus seiner eigenen Initiative angeregt wird. Und tatsächlich – er
bat zeitnah um ein weiteres Gespräch, denn er wollte darüber
reden, wie man eine gute Partnerschaft im Alltag überhaupt führen
kann. Ich freute mich zu hören, dass wir einen Schritt
weitergekommen sind: Wo es am Anfang noch absolut undenkbar für
ihn war, jemals nocheinmal eine Beziehung zu einer Frau aufnehmen
zu können, waren wir jetzt doch soweit, dass er „nur“ noch um das
Wie rätselte. Allerdings ergab sich für jenen nächsten Termin
zwischenzeitlich ein anderes Anliegen: Malte Filip brachte ein
erfolgreiches Vorstellungsgespräch in der Zeitarbeitsfirma hinter
sich und wurde zu einem Probearbeitstag eingeladen. Er freute sich
wirklich sehr darauf. Doch als der Tag gekommen war, musste er
erleben, wie der künftige Kollege, welcher in die neuen Aufgaben
einweisen sollte, ihn vor einem Besucher der Firma kritisierte. Ob
diese Kritik nun gerechtfertigt war oder nicht, war für Malte
Filip weniger die Frage, als die Tatsache, dass er sich getadelt
vorkam, zurückgewiesen und verletzt. Diese Gefühle sollten sich
aber in keinem Fall erneut in ihm breit machen, da sie ihn zu oft
schon in ernsthafte Schwierigkeiten an seinen Arbeitsplätzen
brachten und ihn einige Male sogar den Job kosteten. Was tun also,
wenn man kritisiert wird, und die dabei entstehenden negativen
Gefühle überwinden möchte? Nun, man sollte zunächst wirklich
unterscheiden, ob es sich um konstruktive Kritik handelt, die
einem doch weiter bringt, wenn man sie richtig nutzt. Oder ob es
Hochmut und Besserwisserei von Kollegen ist, die sich richtig
wichtig nehmen und nur dann ein Glücksgefühl verspüren, wenn sich
die Gelegenheit ergibt, einen anderen niederzumachen. Gerade im
letzteren Fall kann es durchaus gelingen, sich gegen Kritik zu
immunisieren, nämlich indem man sich zu einer Reaktion des Herzens
entscheidet und gelassen bleibt. Auch das ist natürlich wieder
leichter gesagt als getan, aber mit etwas Übung stellt sich bald
der Fortschritt für den eigenen Seelenfrieden ein. Bedenken sollte
man dabei, dass es einfach ist, freundlich zu denjenigen Menschen
zu sein, die auch uns gegenüber nett und zugewandt sind. Eine
wahre Qualität des Herzens bildet sich hingegen erst dann aus,
wenn zwischenmenschlich nicht alles den geraden Weg läuft. Und zu
dieser, da bin ich ganz sicher, ist Malte Filip auf jeden Fall
fähig. Wenn er also wieder einmal in eine Situation gerät, in der
er Kritik ausgesetzt ist und dabei nach sorgfältigem Abwägen zu
dem Schluss kommt, dass diese tatsächlich ungerecht und unfair
ist, dann ist es wichtig für ihn zu wissen, dass diese Art von
Kritik nichts, aber auch wirklich gar nichts, über ihn als
Menschen und seine Fähigkeiten aussagt, sondern allein etwas über
das Bedürfnis des Kritikers, den anderen als untauglich erscheinen
zu lassen. Der französische Autor Antoine de Saint-Exupéry sagt
das sehr schön in einem Satz seines Buches *Die Stadt in der
Wüste*: „Wer je einen anderen erniedrigt, sagte mein Vater, zeigt
damit, dass er niedrig ist.“ Wenn Malte Filip sich also künftig in
Augenblicken der Kritik bewusst für eine Reaktion seines Herzens
entscheidet und gelassen bleibt, da gar kein Grund vorliegt, sich
verletzt zu fühlen, weil ein unfairer Kritiker immer nur über sich
selbst spricht – und zwar in der Regel davon, dass er keine Liebe
in seinem Leben erfährt - dann ist Malte Filip Teil der Lösung.
Statt wie bisher Teil des Problems.
Wie von Malte
Filip gewünscht, sprachen wir beim nächsten Mal darüber, wie sich
eine glückende Partnerschaft ganz konkret gestalten lassen könnte.
Gemeinsam erarbeiteten wir die folgenden Leitsterne und Malte
Filip gestaltete für seine persönliche Nummer eins: Loslassen und
Vertrauen, eine wunderschöne Postkarte, die er sich an den
Badezimmerspiegel kleben wollte und welche er mit einem Zitat aus
Exupérys *Die Stadt in der Wüste* versah: „Verwechsle nicht die
Liebe mit dem Rausch des Besitzes, der die schlimmsten Leiden mit
sich bringt. Denn du leidest nicht unter der Liebe, wie die Leute
meinen, sondern unter dem Besitztrieb, der das Gegenteil von Liebe
ist.“ Malte Filip wollte es lernen, loszulassen und zu vertrauen:
Unsere Leitsterne für eine gute Partnerschaft anwenden, wenn er
auf eine potentielle Liebe trifft, sich aber ansonsten ganz in die
Hände des Schicksals legen. Nichts mehr festhalten. Nichts mehr
aufhalten.
Ein
entscheidender Schritt ist Malte Filip schon vorab dadurch
gelungen, dass er sich Hilfe holte, um auf den Weg innerer
Freiheit zu gelangen. Innere Freiheit ist Grundvoraussetzung, denn
alle unangesehenen Altlasten hätte er anderenfalls in eine neue
Beziehung mit hinein genommen, die sich dort mit großer Gewissheit
wieder entladen hätten. Weil es ein Gesetz ist, dass einem die
Vergangenheit immer wieder einholt. Nicht weniger wichtig wollte
es für Malte Filip sein, seine Distanziertheit gegenüber einer
Partnerin zu lockern. Einerseits fühlt er sich als Außenseiter,
andererseits macht er sich ein Stück weit aber auch selbst zu
einem solchen, indem er sich immer wieder versteckt und ein großes
Geheimnis um seine Person und sein Leben macht. Das ist für einen
Partner nicht einfach, denn woher kann er wissen, wo genau er
Rücksicht nehmen muss? Schnell kommt es so zu vermeidbaren
Streitigkeiten, oder zumindest zu einem ständigen und
anstrengenden Abklopfen aller Eventualitäten, so der Partner über
etwas Einfühlungsvermögen verfügt und bemerkt, dass mehr hinter
dem Stillschweigen steckt. Malte Filip möchte eine potentielle
Partnerin künftig etwas näher an sich heranlassen und ihr solche
Einblicke in sein Leben gewähren, die noch über Aktualität
verfügen, da sie in seinem Alltag weiterhin Platz benötigen, auch
wenn dieser hoffentlich immer geringer werden wird. Und wenn es
sich um Liebe handelt, wird diese auch die Schatten mittragen. Als
weiteren Punkt einigten wir uns darauf, dass die Liebe, die Malte
Filip sich wünscht, nicht bei dem anderen startet und zu ihm
übergreift, sondern der Kreislauf bei ihm selbst beginnt.
Anschaulich kann das zum Beispiel so aussehen, dass er dem anderen
immer wieder ein positives Feedback gibt, ohne zu übertreiben oder
gar zu heucheln, versteht sich. Vielleicht eines bezogen auf
dessen Charakterstärken, auf sein Verhalten oder auch auf sein
Äußeres. Entscheidend für eine gelingende Partnerschaft halten wir
es außerdem, die eigene Individualität zu wahren. Und natürlich
auch, die des anderen zu akzeptieren. Wie schnell besteht man nur
noch aus einem Großen „Wir“. Wenn dieses „Wir“ einmal zerbrechen
sollte, was natürlich nicht wünschenswert ist, aber doch möglich
sein kann, dann steht man ohne „Ich“ da und diese Tatsache hat
schon mehr depressive Episoden ausgelöst, als einem lieb sein
dürfte. Auf jeden Fall also möchte Malte Filip seine eigene
Persönlichkeit nicht verbiegen lassen, Hobbies und Freundschaften
beibehalten und pflegen und eigene Ziele unbeirrt weiterverfolgen.
Als ein sehr wichtiger Punkt erscheint uns auch das gegenseitige
Verzeihen eines Fehlers. Wie viel Leid könnte einem erspart
bleiben – und das weiß kaum einer besser als Malte Filip selbst –
wenn man über Schmerzendes sprechen würde? Hören auf das, was dem
anderen weh tut. Und versuchen, es nachzufühlen. Denn nur wenn man
darüber ins Gespräch und es dabei zu Einsicht kommt, kann man
vergeben. Alles andere ist Selbstbetrug und führt niemals zu
Änderung des Fehlverhaltens. Wir hätten die Liste der Leitsterne
bis ins Unendliche fortsetzen können: Die Zahncremetube nach
Gebrauch wieder verschließen, den Klodeckel zumachen. Die alten
Socken nicht allerorts rum fliegen lassen, die Spülmaschine im
Wechsel ausräumen, statt sie wortlos immer dem anderen zu
überlassen. Intensiv und gut zuhören, sich Zeit füreinander
nehmen, gemeinsam den Alltag verzaubern, sich gegenseitig
abnehmen, was dem jeweils anderen schwer fällt. Eine Woche Venedig
buchen … Aber wir wollten ausreichend Freiraum für Phantasie
übriglassen, damit die Liebe wachsen kann und denken deshalb, das
Essentielle auf jeden Fall erarbeitet zu haben.
Nach etwa 9
Monaten befanden wir uns in der Endphase und ich begann, die
einzelnen Termine über weitere 2 Monate hinweg aus zu schleichen.
Es kam zu
Rückfällen in depressive Phasen, aber auch darüber hatten wir
gesprochen, sie trafen Malte Filip also nicht unvorbereitet,
gingen weniger tief und dauerten nicht mehr all zu lange. Vielmehr
versuchte er sie als Probezeiten zu betrachten, in denen sich
seine neu gewonnenen Erkenntnisse bewähren konnten. Malte Filip
hatte zudem meine Telefonnummer sowie meine Emailadresse und
konnte in solchen Zeiten immer auf mich zurückgreifen. Insgesamt
konnte das Leben Malte Filips einen Zugewinn an Wahrnehmung,
Energie, innerem Frieden und Liebe verbuchen. Er war nicht mehr
gefesselt an Langeweile, Frustration, Wut und Selbsthass und vor
allem befreit von jenem Gedanken, dies alles sei ein Akt Gottes,
den er durch Selbstgeißelung unbedingt milder stimmen müsse.
Vielmehr wuchs seine Wahrnehmung, dass alles zu seinem Besten
dient, entweder als nächsten Schub für sein persönliches Wachstum,
oder, wenn bisher auch leider seltener: zu seiner Freude. Er lebte
die Tatsache, dass seine Chance, das zu realisieren, was er sich
vorstellt oder wünscht, um ein Vielfaches steigt, wenn er aktiv
darauf zugeht und daran werkelt, statt sich wie bislang zu
verriegeln, nur darauf zu warten, dass irgendwann einmal alles
besser wird und immer frustrierter darüber zu werden, dass
eigentlich gar nichts geschieht, geschweige denn, etwas positives.
Gute Erfolge erzielte er mittlerweile auch in der sich stets
wiederholenden Übung zur Überwindung seiner Ängste, indem er immer
genau jenen Schritt tat, der ihn aktuell am meisten Überwindung
kostete. Denn er wusste es ja: Das, was gerade ängstigend vor ihm
liegt, ist da, ob er es nun fürchtet, oder auch nicht. Es ist auch
aus gutem Grund da, nämlich als Herausforderung für sein Wachstum.
Und zu guter letzt: Das, was ihn jetzt noch ängstigt, wandelt sich
mit garantierter Sicherheit, sobald er es ansieht und anpackt.
Seine Empfindlichkeit gegenüber Kritik ließ nach und in der Stille
der Natur aufzutanken wurde für ihn zu einer wertvollen
Bereicherung seines Alltags. Einen dauerhaften Job konnte er sich
noch nicht sichern, wohl aber ein befristetes Arbeitsverhältnis
von einem Jahr in der Position eines Pförtners, was ihm
Gelegenheit gab, sich in einer neuen Betätigung zu üben und
zurechtzufinden und damit war es für den Anfang mehr als genug.
Außerdem
musiziert er weiter, bereitet damit sich und anderen Freude und
zieht mit seiner positiveren Lebenseinstellung sogar noch seine
Mutter in den Bann, der nicht nur ein Stein vom Herzen fiel, ihren
Sohn endlich glücklicher und lebendiger zu sehen: Sie selbst sieht
dabei auch, dass Glück nicht durch selbst geißelnde Leistung zu
erzwingen ist. Malte Filip geht weiterhin seinem Ehrenamt in der
Kirche nach, aber nicht mehr, um Gott zu überwältigen, sondern
weil er sich endlich auf ein gesundes Maß von Geben und Nehmen
einlassen kann, was dazu ist und er sich mehr und mehr dafür
öffnet, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Und weiter noch: Durch
sein Leid, das er aus eigener Kraft überwand, wurde er sehr
feinfühlig und damit zu einem unverzichtbar großen Gewinn für
seine Kirchengemeinde. Man kommt dort gerne mit ihm ins Gespräch,
weil er in erster Linie immer zuhört und Verständnis zeigt, statt
platte Ratschläge zu erteilen. Ich denke, dass sich Malte Filip
auf einem guten und vor allem stabilen Weg befindet.
Bei unserm
letzten Termin vereinbarten wir ein Katamnesetreffen in ca. 6
Monaten.
Ich bleibe
sehr gespannt!